Beeindruckende Beethoven-Klangfülle

DER KONZERTCHOR MOLTO VOCALIS BEGEISTERTE MIT SEINEM HOMOGENEN KLANG. (Artikel aus dem Reutlinger Generalanzeiger vom 27.1.2026 mit freundlicher Genehmigung des Verlags)

VON VERENA VÖLKER

Foto: Völkner

MÖSSINGEN. Mit einem Programm, das gleichermaßen Andacht wie Konzertdramaturgie atmete, eröffnete der Konzertchor Molto Vocalis am Sonntagabend in der Mössinger Peter-und-Pauls-Kirche seinen Beethoven-Abend. Unterstützt von Orchestermusikerinnen und -musikern aus Stuttgart, Reutlingen und Mössingen entfaltete sich ein dichtes, dabei stets klares Klangbild.

Im Zentrum der ersten Konzerthälfte stand Beethovens Messe in C-Dur op. 86. Dass diese Messe als Auftragswerk für den Fürsten Nikolaus Esterházy entstand – in einem Umfeld, das zuvor jahrelang von Haydns späten Messen geprägt war –, hört man ihr bis heute an: Beethoven knüpft an die klassische Form an, füllt sie aber mit einer persönlicheren, geradezu bekenntnishaften Tonsprache. Der Dirigent Ronald Hirrle hielt die Balance zwischen feierlicher Ruhe und lebendigem Impuls mit spürbarer Agilität.

Solisten im Chor

Klanglich überzeugte vor allem die Art, wie Chor und Solisten miteinander verschmolzen. Die Solisten Laura Güldikenoglu (Sopran) und Ingrid Seidel (Alt), beide Sängerinnen des Chores, standen nicht neben dem Dirigenten, sondern im Chor und waren so als Teil des Gesamtklangs integriert. Diese Entscheidung zahlte sich aus: Ihre Linien verbanden sich geschmeidig mit dem Chorsatz, statt sich darüberzulegen. Juan Pablo Marin (Tenor) und der kurzfristig für den erkrankten Malte Kebschull eingesprungene Stuttgarter Bariton Ulrich Wand ergänzten das Solistenquartett mit Präsenz, ohne das Gleichgewicht zu verschieben. So entstand ein Gesamtklang, in dem keine Stimme vordrängte, sondern ein gemeinsamer Ausdruck.

Federnder Vorwärtsdrang

Im Kyrie wirkte der Chor wie ein ruhiges Gewölbe, getragen, warm und mit jener Spannung, die nicht aus Lautstärke entsteht, sondern aus sorgfältig geführten Linien. Das Gloria dagegen öffnete den Raum nach außen. Es wurde heller, bewegter, mit federndem Vorwärtsdrang bis hin zur lebhaften Fuge, in der Molto Vocalis Präzision und Ausdruckskraft überzeugend zusammenbrachte. Das Orchester blieb dabei nicht bloße Begleitung, sondern zeichnete Konturen, setzte Glanzpunkte, ohne dabei Klang zu verschmieren.

Als Zweites folgte Beethovens an-spruchsvolle Fantasie in c-Moll op. 80. Zunächst gehörte dem Pianisten die Bühne, bevor Orchester und Chor zum Schluss dazukamen. Pianist Friedemann Treutlein, in der Region seit Langem bekannt, gestaltete den Beginn mit klarer Artikulation und einer Agogik, die Freiheit zuließ, ohne den Faden zu verlieren, sodass es fantasievoll, aber nie formlos wirkte. Entscheidend war sein Gespür für das Umschalten vom solistischen Erzählen zum partnerschaftlichen Musizieren.

Mit dem Orchester verband sich das Klavier zu einer Einheit, in der nicht mehr zu fragen war, wer wen »begleitet«. Für die Fantasie traten Martina Eyassu (Sopran) und Helmut Huerkamp (Tenor) zur Solistengruppe hinzu. Gemeinsam mit Chor und Orchester wurde aus der Fantasie das, was sie im besten Fall ist, ein organisch wachsendes Klanggebäude.

Nicht zufällig hört man in op. 80 immer wieder Wendungen, die an die spätere 9. Sinfonie erinnern, daher der Beiname »Kleine Neunte«. Wenn der Chor am Ende einsetzt und von der ordnenden Kraft der Kunst singt, liegt der Gedanke an Beethovens »Ode an die Freude« nahe. Das Publikum dankte mit langem Applaus. Es war ein gelungener Vorgeschmack auf das Beethoven-Jahr 2027, in dem an den 200. Todestag des Komponisten erinnert wird. (GEA)

Teile diesen Beitrag